Du bist in Vietnam. Irgendwo sitzt du auf einem kleinen Holzhocker an einer Straßenecke und schaust, wie von oben auf deinem Glas ein kleines rundes Metallding sitzt und Kaffee hindurchtropft. Tropfen für Tropfen. Vielleicht hast du dich auch gefragt: Was ist das eigentlich für ein Ding auf dem Glas und warum wird der Kaffee hier anders zubereitet? Du wartest, bis der ganze Kaffee in dein Glas getropft ist. Und dann trinkst du und merkst: Lecker. Der Kaffee hier schmeckt ganz anders. Seitdem du wieder zuhause bist, lässt dich dieses kleine Ding auf dem Glas nicht los.

Um deine Frage zu beantworten: Das kleine, runde Metallding heißt Phin-Filter, gesprochen "Fin", wie das englische Wort für Flosse. Aber woher kommt er, und warum schmeckt der Kaffee darin so anders? Das wollten wir genau wissen. Also haben wir nachgeforscht.

Woher der Phin wirklich kommt

Der Phin ist wahrscheinlich nicht ursprünglich vietnamesisch. Er kam, wie so oft, mit den Franzosen ins Land, als Vietnam noch eine Kolonie war.

Vorher gab es in Vietnam keinen Kaffee. Die Menschen tranken Tee. Erst mit den Franzosen kamen die Kaffeepflanze, kamen die Plantagen und die Gewohnheit, Kaffee zu trinken. Und mit dem Kaffee kam offenbar auch das Gerät, mit dem man ihn zubereitet.

In Frankreich gab es damals schon kleine Filter für eine einzelne Tasse. Man stellte den Filter direkt auf die Tasse, füllte Kaffeepulver hinein, goss heißes Wasser darüber und wartete, bis alles durchgetropft war. Wegen ihrer Größe hatten Reisende sie damals wahrscheinlich dabei, und so kamen sie dann auch nach Vietnam. Französische Kaffeehändler verkaufen bis heute noch solche kleinen Einzeltassenfilter, genau wie damals.

KI-generierte Darstellung eines zusammengebauten französischen Reise-Kaffeefilters aus Silber mit Glas, daneben der Deckel auf einem Leinentuch KI-generierte Draufsicht auf die Einzelteile eines französischen Silber-Kaffeefilters aus dem 19. Jahrhundert: Glas, Filtereinsatz und Deckel mit Kaffeebohnen

Beide Bilder sind KI-generiert und zeigen einen französischen Reisefilter aus Silber, 19. Jahrhundert. Vorbild ist ein Originalstück von Eugène Lefebvre (1848 bis 1907). Das echte Stück siehst du hier bei Proantic.

Ein Fund aus dem Jahr 1922

Bei unserer Suche sind wir auf eine alte französische Zeitung aus Hanoi gestoßen, die über 100 Jahre alt ist. Der Artikel richtet sich an die Franzosen, die damals in Vietnam lebten. Er empfiehlt ihnen, sich für ihre Reisen einen kleinen Kaffeefilter für eine Person zuzulegen, am besten mit einem Becher aus Aluminium statt aus Glas, weil Glas unterwegs zu leicht zerbricht. Weiter im Artikel wird beschrieben, wie man den Kaffee darin zubereitet. Pulver einfüllen, leicht andrücken, Wasser langsam in kleinen Mengen aufgießen und warten. Das ist fast genau das, was du in Vietnam gesehen hast, wenn du auf den Kaffee in deinem Glas gewartet hast.

Den Phin-Filter gab es also in Vietnam schon vor über hundert Jahren, genau in der Zeit, in der die Franzosen dort lebten.

Quelle: L'Éveil Économique de l'Indochine, April 1922, Nr. 252, Seite 10 (Gallica/BnF). Übersetzt: "Es ist allen Kolonialen zu empfehlen, sich für ihre Reisen diesen kleinen Kaffeefilter für eine Person zuzulegen, eines bekannten Modells; man ersetzt das zu zerbrechliche Glas vorteilhaft durch einen Aluminiumbecher."

Warum der Kaffee im Phin so anders schmeckt

Was den Phin-Filter besonders macht, ist eigentlich ganz simpel. Er arbeitet ohne Druck, ohne Strom und ohne Pumpe. Nur die Schwerkraft zieht das Wasser langsam durch das Kaffeepulver, Tropfen für Tropfen. Warum so langsam? Das fein gemahlene Pulver wird von der Pressscheibe leicht zusammengedrückt. Die Löcher im Boden sind so winzig, dass das Wasser sich seinen Weg zwischen Millionen kleiner Kaffeepartikel hindurchbahnen muss. Und genau das macht den Kaffee so kräftig: Je länger das Wasser durch das Pulver muss, desto mehr Geschmack kann es aufnehmen.

Das dauert. Vier bis acht Minuten, während dein Filterkaffee zuhause in zwei bis vier Minuten durchgelaufen ist und ein Espresso in unter dreißig Sekunden fertig ist.

Ein weiterer Vorteil: Weil der Filter aus Metall ist und nicht aus Papier, bleibt mehr im Kaffee, als du es sonst kennst. Feine Partikel, Öle. Das macht ihn vollmundiger als Filterkaffee, aber trotzdem nicht so intensiv wie ein Espresso. Genau dazwischen. Das ist der Geschmack, den du in Vietnam im Glas hattest.

Warum der Phin geblieben ist

Warum ist der Phin-Filter bis heute geblieben, obwohl die Franzosen längst wieder weg sind? Wahrscheinlich, weil er einfach praktisch ist. Er braucht keinen Strom, keine große Maschine und kein Zubehör. Er ist klein, handlich, passt in jede Tasche und lässt sich überall mitnehmen. Und er ist einfach herzustellen.

KI-Bild: Phin-Filter aus Edelstahl tropft auf Kondensmilch im Glas auf nasser Steinkante vor tropischem Grün

Der Phin heute: Der Kaffee tropft durch den Metallfilter auf die Kondensmilch, so wie du es in vielen Cafés in Vietnam siehst. (Idee & Text: vietcoffeeandfriends / Bild: KI-generiert)

Das war in Vietnam über lange Zeit entscheidend. Das Land hatte kaum Frieden, kaum stabile Infrastruktur und auch keinen Platz für teure Technik. Ein Gerät, das ohne all das auskommt, bleibt einfach bestehen.

Da alles nur durch Schwerkraft und Zeit passiert, gibt es beim Phin auch kaum etwas, das kaputtgehen kann. Es braucht keine Dichtungen, keine Ersatzteile und keine Elektronik.

Und noch etwas: Vielleicht hat genau dieses langsame Tropfen die Kaffeekultur in Vietnam geprägt. Wer auf einen Phin wartet, kann nicht schnell nebenbei einen Kaffee trinken. Man sitzt, man wartet und redet mit den Leuten am Tisch. Die Kaffeezubereitung wurde so zu einem gesellschaftlichen Moment, nicht nur zu einem Getränk. So wurde aus einem französischen Reisefilter über die Jahrzehnte ein Symbol für den Kaffee in Vietnam.

Ein Stück Vietnam für zuhause

Der Phin-Filter ist ein kleines Beispiel dafür, wie sich Dinge verändern, wenn sie an einem neuen Ort ankommen. Ein französischer Reisefilter wurde zu einem Stück vietnamesischer Alltagskultur, das bis heute niemand mehr wegdenken kann.

Wir bei vietcoffeeandfriends rösten vietnamesische Bohnen aus dem Land, aus dem auch der Phin kommt. Ganze Bohnen, die du selbst mahlst. Hast du einen Phin-Filter zuhause, bereitest du dir genau den Kaffee zu, den du vielleicht in Vietnam getrunken hast. Hast du keinen, schmecken dieselben Bohnen genauso gut aus deinem Siebträger oder Vollautomaten.

Lass es dir schmecken.

Fragen und Antworten zum Phin-Filter

Wie spricht man Phin aus?

Phin wird wie das englische Wort "Fin" ausgesprochen, wie bei der Flosse eines Fisches. Nicht wie das deutsche Wort "fein".

Kommt der Phin-Filter aus Vietnam oder aus Frankreich?

Der Phin kam wahrscheinlich mit den Franzosen nach Vietnam, als das Land noch eine Kolonie war. In Frankreich gab es schon vorher kleine Einzeltassenfilter für eine Person. Ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1922 empfiehlt den Franzosen in der Kolonie genau solche kleinen Filter für ihre Reisen.

Warum dauert die Zubereitung im Phin so lange?

Der Phin arbeitet nur mit Schwerkraft, ohne Druck und ohne Pumpe. Das Wasser muss sich seinen Weg durch Millionen kleiner Kaffeepartikel bahnen, deshalb dauert ein Brühvorgang vier bis acht Minuten. Zum Vergleich: Filterkaffee braucht zwei bis vier Minuten, ein Espresso unter dreißig Sekunden.

Warum schmeckt Kaffee aus dem Phin anders als Filterkaffee?

Der Filter ist aus Metall statt aus Papier, deshalb bleiben mehr Öle und feine Partikel im Kaffee. Dazu kommt die lange Kontaktzeit zwischen Wasser und Kaffeepulver, die mehr Geschmack aus dem Pulver löst. Das Ergebnis ist vollmundiger als Filterkaffee, aber nicht so intensiv wie ein Espresso.

Kann ich Kaffee für den Phin-Filter auch in einer anderen Maschine zubereiten?

Ja. Unsere ganzen Bohnen aus Vietnam kannst du dir selbst mahlen und im Phin zubereiten, aber genauso gut in deinem Siebträger oder Vollautomaten.

Quellen

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