Wer zum ersten Mal einen vietnamesischen Kaffee bestellt, erlebt eine interessante Überraschung. Kein Milchkännchen, keine Sahne. Stattdessen kommt aus einer Dose eine goldene, zähflüssige Flüssigkeit in die Kaffeetasse. Gezuckerte Kondensmilch. Ein Produkt, das viele Deutsche zwar kennen, aber eher aus der Weihnachtsbäckerei oder einem cremigen Dessert. Und im Kaffee? Das klingt erstmal ungewohnt.

Und dennoch: In Vietnam ist es die selbstverständlichste Sache der Welt. Kein Vietnamese würde fragen, warum. Die bessere Frage wäre: Wie ist es überhaupt so gekommen? Die Antwort reicht zurück ins 19. Jahrhundert, und sie beginnt, wie so vieles in Vietnam, in der Kolonialzeit der Franzosen.

Kurz erklärt: Was ist Kondensmilch eigentlich?

Bevor wir in die Geschichte zurückgehen, kurz zur Kondensmilch selbst. In Deutschland ist sie ein eher unterschätztes Produkt. Kondensmilch entsteht, wenn Frischmilch bei niedriger Temperatur so lange eingekocht wird, bis ein Großteil des Wassers verdunstet ist. Anschließend wird Zucker hinzugefügt, der als natürliches Konservierungsmittel wirkt. Das Ergebnis ist eine dichte, cremige, intensiv süße Milch, die ohne Kühlung monatelang haltbar bleibt.

In Deutschland landet sie meist in Karamellsoßen, Weihnachtsplätzchen oder im klassischen Milchreis-Rezept der Oma. In Vietnam hingegen ist sie seit über hundert Jahren die erste Wahl im Kaffee und dafür gibt es einen sehr guten, historischen Grund.

Die Franzosen bringen den Kaffee und hatten sofort ein Milchproblem

1857 brachte ein französischer Missionar den ersten Kaffeebaum nach Vietnam. Nur ein Jahr später wurde das Land offiziell zur französischen Kolonie und mit der Kolonialherrschaft kamen die Kaffeeplantagen, die Cafés und der Café au Lait (Kaffee mit Milch). Die Franzosen liebten ihren Kaffee mit Milch, das war in Paris völlig normal. In Vietnam stellte sich jedoch sehr schnell heraus, dass diese Gewohnheit mit den Gegebenheiten vor Ort nicht zu vereinbaren war.

Das erste Problem war, dass es in Vietnam schlicht keine Tradition der Milchwirtschaft gab. Rinder waren Arbeitstiere, unersetzlich für den Reisanbau auf den Feldern, aber keine Milchlieferanten. Die Vietnamesen tranken keine Kuhmilch, es gab keine Bauern, die Kühe molken, keine Molkereien und auch keine Infrastruktur dafür. Milch als Nahrungsmittel war im Alltag der Vietnamesen einfach nicht vorhanden, so wie sie in weiten Teilen Asiens nie Teil der Ernährung war. Das hängt mit dem Klima zusammen: Bei dauerhafter Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit hat der Körper kein Verlangen nach einem schweren, warmen Getränk wie Frischmilch. Sie trinken eher Wasser, Tee und später Kaffee.

Das zweite Problem war das tropische Klima selbst. Selbst wenn man irgendwie an Frischmilch herangekommen wäre, hätte sie in der Hitze Vietnams keine zwei Stunden überlebt. Von einer funktionierenden Kühlkette war Vietnam damals weit entfernt. Was in Paris täglich auf dem Tisch stand, war in Saigon einfach nicht zu halten.

Und das dritte Problem machte die Sache endgültig klar: Frischmilch aus Frankreich nach Vietnam zu transportieren, war vollkommen undenkbar. Bei Tausenden Kilometern Schiffsweg durch tropische Hitze wäre die Milch bereits verdorben, bevor das Schiff auch nur in Sichtweite eines anderen Kontinents gewesen wäre.

Die Dose als Rettung und als Glücksfall

Die Lösung kam aus einer schlichten Blechdose. Gezuckerte Kondensmilch. Im Jahre 1856 wurde sie vom amerikanischen Erfinder Gail Borden Jr. patentiert und war das erste Milchprodukt, das all diese Probleme auf einmal löste. Die Kondensmilch überstand unbeschadet monatelange Schiffsreisen, brauchte keine Kühlung und hielt in tropischer Hitze genauso gut durch wie in einem europäischen Keller. Die Franzosen importierten sie in großen Mengen nach Vietnam und plötzlich war der Café au Lait auch in tropischen Ländern möglich.

Was dabei niemand geplant hatte: Kondensmilch und vietnamesischer Robusta-Kaffee harmonieren auf eine Art, die man mit Frischmilch niemals erreicht hätte. Der kräftige, schokoladig-nussige Robusta trifft auf die cremige Süße der Kondensmilch. Was entsteht, ist etwas Einzigartiges, das wie ein Dessert zum Trinken schmeckt: intensiv, vollmundig und rund. Wer es einmal probiert hat, versteht sofort, warum die Vietnamesen nie auf die Idee gekommen wären, Kaffee mit Frischmilch zu trinken.

Was daraus wurde, kennt heute jeder, der einmal in Vietnam war: Cà Phê Sữa Đá - vietnamesischer Eiskaffee mit gezuckerter Kondensmilch, langsam durch einen Phin-Filter gebrüht und über Eis serviert. Ein Getränk, das aus einer kolonialen Notlösung entstand und heute zu den bekanntesten Kaffees der Welt gehört.

Warum Asiaten Milch oft nicht vertragen und die Dose wieder gewinnt

Es gibt noch einen biologischen Grund, warum Kondensmilch in Vietnam so viel Sinn ergibt. Wer als Erwachsener nie Milch getrunken hat, entwickelt keine Laktasetoleranz, also jenes Enzym, das Milchzucker im Darm aufschließt. Da die Vietnamesen nach dem Abstillen keine Milch mehr tranken, sind die meisten Erwachsenen laktoseintolerant. Was bei uns als Ausnahme gilt, ist in Vietnam Normalzustand. In Südostasien betrifft das 85 bis 98 Prozent der Bevölkerung. Frischmilch würde also nicht nur geschmacklich fremd wirken, sondern bei vielen Menschen auch körperliche Beschwerden auslösen. Kondensmilch hat durch ihre Verarbeitung einen deutlich reduzierten Laktoseanteil und ist damit für die meisten Vietnamesen die verträglichere Wahl. Damit löste die kleine Dose noch ein weiteres Problem, ohne dass irgendjemand das so geplant hatte.

Heute: Kein Bedarf mehr und trotzdem lieben die Vietnamesen ihre Dose

Kühlschränke und Kühlketten gibt es in Vietnam längst. Auch Frischmilch ist überall erhältlich. Moderne Café-Ketten in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt bieten Oat Milk, Latte, Cold Brew und Specialty Coffee an. Auch die dritte Kaffeewelle ist in Vietnam angekommen.

Und dennoch: Wer in Vietnam Kaffee mit Milch bestellt, bekommt automatisch Kaffee mit Kondensmilch, selbstverständlich und ohne nachzufragen. Nicht weil es heutzutage keine Alternativen gäbe, sondern weil Kondensmilch längst mehr ist als ein Ersatz. Sie ist ein Teil der Kaffeeidentität Vietnams, gewachsen über Generationen und tief verankert im Alltag.

Sữa Ông Thọ, die bekannteste vietnamesische Kondensmilchmarke, deren Name so viel bedeutet wie "Milch des langen Lebens", steht in praktisch jedem vietnamesischen Haushalt. Man tunkt Bánh Mì (Brot) hinein zum Frühstück, rührt sie in Avocado-Smoothies, in selbstgemachten Joghurt oder in süße Getränke aller Art. Sie ist aus der vietnamesischen Küche nicht wegzudenken und aus dem Kaffee schon gar nicht.

Wenn du wissen möchtest, wie das schmeckt: Unser 100 % Premium-Robusta aus Dak Lak ist der Ausgangspunkt. Alles andere, wie die Kondensmilch, bekommst du im Supermarkt.

Eine persönliche Erinnerung: Die leere Dose als Spielzeug

Und dann war da noch das Spiel. Wer in Vietnam aufgewachsen ist, kennt es, auch wenn jedes Viertel seine eigene Version hatte. Man braucht eine leere Kondensmilchdose, zwei Teams und ein paar Schlappen. Einen richtigen Ball hatten wir nicht, denn als Kind war es egal, womit man spielte.

Die Dose stand fünf Meter entfernt auf der Straße vor unserem Haus. Einen Garten oder eine Wiese gab es nicht. Die Straße war unser Spielplatz, so wie überall in den Städten von Vietnam. Jeder Spieler hatte genau einen Schlappen als Wurfgeschoss, und wer danebenwarf, musste seinen Schlappen auf dem Asphalt liegen lassen, bis jemand aus dem eigenen Team die Dose traf und zu Fall brachte.

Sobald die Dose fiel, begann die Jagd: Ein Spieler aus dem anderen Team musste die Dose wieder aufstellen und danach versuchen, die Schlappen-Sammler zu fangen, bevor sie ihren Schuh zurückbekommen haben. Wer dabei gefangen wurde, schied aus. Das Team, das am Ende noch Spieler und Schlappen auf dem Feld hatte, gewann. Das Spiel mit der Dose hat uns riesigen Spaß gemacht. Rückblickend sind es immer die einfachsten Dinge, mit denen man die stärksten Erinnerungen schafft.

Das ist vielleicht das schönste Bild für das, was Kondensmilch in Vietnam wirklich bedeutet: Sie war nie nur eine Zutat. Sie ist Kaffeebegleiter, Frühstücksdip, Kindheitsspielzeug. Aus einer kolonialen Notlösung wurde über Generationen etwas vollkommen Eigenes, etwas, das Generationen verbindet und Erinnerungen trägt, die viel größer sind, als eine kleine Blechdose vermuten lässt.

Warum trinken Vietnamesen ihren Kaffee mit Kondensmilch? Weil das Klima es erzwungen hat, weil die Geschichte es geformt hat und weil es inzwischen für die Identität Vietnams steht, wie ein Dessert, das man trinken darf.

Lass es dir schmecken.

 

Noch Fragen? 


Warum trinken Vietnamesen Kaffee mit Kondensmilch?

In der Kolonialzeit der Franzosen gab es in Vietnam keine Milchwirtschaft, keine Kühlkette und keinen Weg, Frischmilch zu transportieren. Gezuckerte Kondensmilch löste alle drei Probleme auf einmal und blieb seitdem fester Bestandteil der vietnamesischen Kaffeekultur.


Was ist Cà Phê Sữa Đá?

Cà Phê Sữa Đá ist vietnamesischer Eiskaffee mit gezuckerter Kondensmilch. Robusta-Kaffee wird durch einen Phin-Filter gebrüht, über Kondensmilch gegossen und auf Eis serviert.


Kann ich vietnamesischen Kaffee auch mit normaler Milch trinken?

Ja, aber das Geschmackserlebnis ist ein anderes. Kondensmilch gibt dem kräftigen Robusta eine cremige Süße, die Frischmilch nicht erreicht.

 

Quellenhinweis:
Geschichte Kondensmilch: Wikipedia Gail Borden / smithsonianmag.com | Kaffee Vietnam: Wikipedia Coffee production in Vietnam, cafely.com, baristamagazine.com | Kondensmilch in Vietnam: caukieucollective.com, sprudge.com, saigoneer.com | Laktoseintoleranz: PMC/NIH, worldpopulationreview.com | Kulturelle Bedeutung heute: b2bnn.com, quaphe.de, coffeefriend.de

 

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